Greece

Ganz und gar Gottes Plan

February 13, 2020

„Zuerst fühlte es sich wie ein Witz an", sagt Rosie H. aus England, als sie über die Eröffnung einer Buchhandlung als Weg zur legalen Beschäftigung von Frauen in Zwangsprostitution in Griechenland berichtet. „Ich habe keine Geschäftserfahrung oder eine höhere qualifizierte Ausbildung hierfür. Aber das ist ganz und gar Gottes Plan."

Doch Gottes Plan für Rosie begann schon viel früher. Rosie ist die Tochter eines Pastors und wuchs in einer kleinen Stadt in der Mitte Englands auf. Sie und ihre zwei jüngeren Schwestern lernten Jesus persönlich kennen und folgen ihm nach. Die Fabrik der Stadt, die den größten Teil der Arbeitsplätze und die damit verbundene Sicherheit brachte, wurde vor einigen Jahren geschlossen und brachte eine hohe Arbeitslosenquote sowie viel Alkohol- und Drogenkonsum mit sich. Rosies Familie brachte in die kleine Gemeinde der „Christen der ersten Generation“ Hoffnung, Akzeptanz und Liebe und sie fingen gemeinsam an, Gott um Unterstützung und Führung zu bitten. Rosie sah mit eigenen Augen, welchen Unterschied es für das Leben der Menschen machte, wenn sie Gott trotz ihrer Lebensumstände folgten und ihm vertrauten.

2006 wollte Rosie Auslandserfahrung sammeln, bevor sie an einer Universität Geschichte studieren wollte. Nachdem sie Gott gesagt hatte, dass sie sich nicht für Missionen interessierte, brachte er immer wieder OM-Mitarbeiter über ihren Weg. Sie erfuhr von einem OM-Team, das in Zürich arbeitet und alte und einsame Menschen sowie die vielen Immigranten und Menschen am Rande der Gesellschaft erreichen möchte – Menschen, mit denselben Problemen wie in Rosies Heimatstadt. Mitgefühl bewegte ihr Herz und sie hörte Gottes Stimme, die ihr zuflüsterte, sich besonders auf die Frauen im Sexgewerbe einzulassen. Doch zögerte sie noch und sagte sich: „Noch nicht, du bist noch nicht bereit, du bist kaum 19!" Als sie jedoch begann, die Frauen auf der Straße zu treffen und Beziehungen zu ihnen aufzubauen, hörte sie auf, sich Sorgen zu machen.

Als Rosie dreieinhalb Jahre später die Schweiz verließ, dachte sie nicht mehr an die Universität. „Ich beschloss, nach Griechenland zu gehen, weil es dort ein Arbeitsbereich gab, der sich um Frauen im Sexgewerbe kümmert." Das Team in Griechenland arbeitete schon einige Jahre lang mit einheimischen christlichen Gruppen zusammen, um diejenigen zu unterstützen, die im Sexgewerbe gefangen sind – durch Freundschaften, die Bereitstellung von Unterkünften, Langzeittherapien und Ausbildungsmöglichkeiten für die Betroffenen und ihre Kinder.

Tausende Frauen arbeiten in Griechenland im Sexgewerbe. Die Zahl stieg seit 2015 massiv an, als Flüchtlinge und Arbeitsmigranten ins Land kommen. Die häufigsten Ethnien sind Albaner, Bulgaren, Moldawier, Nigerianer, Rumänen und Russen sowie Flüchtlinge aus arabisch- und farsisprachigen Ländern. Griechische Frauen, die beim nationalen wirtschaftlichen Zusammenbruch 2008 alles verloren haben, hatten oft auch keine andere Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, als im Sexgewerbe. So verbrachte Rosie die letzten achteinhalb Jahre ihres Lebens damit, „wunderbare Frauen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Nationalitäten und Hintergründe" zu treffen. Sie sagt: „Ich bin super gesegnet, Gott in all diesen Jahren am Wirken zu sehen. Einige der Frauen, die ich zuerst auf der Straße traf, nenne ich jetzt persönliche Freundinnen".  

Das Team erkannte, dass es wichtig ist, den Frauen eine Alternative zur Arbeit auf der Straße zu bieten. Viele der Frauen würden gerne aus dem Sexgewerbe aussteigen, schaffen es aber nicht. Oft verdienen sie sonst nicht genug, um sich und ihre Familien zu ernähren, besonders dann, wenn sie keine offiziellen Papiere haben. Viele lassen sich auch ihre Schulden von Kriminellen bezahlen, die dann darauf bestehen, dass diese zu unmöglichen Raten zurückgezahlt werden und mit schwarzer Magie drohen. Das hält die Frauen in virtueller Sklaverei. Andere wurden in das Sexgewerbe verwickelt oder über Menschenhandel aus ihrem Herkunftsland verkauft.

Die meisten Frauen fühlen sich einsam und isoliert und glauben, dass sie keine Alternative haben. Ihr Leiden und ihre Scham beinhalten physische, mentale, emotionale und spirituelle Traumata. Die Frauen haben das Gefühl, keinen Ausweg zu haben. „Wenn man so gebrochen ist, ist es fast zu schmerzhaft, weiter zu hoffen. Die gesamte Lebenseinstellung der Frauen ist durch ihre Erfahrungen verzerrt", erklärt Rosie.

Das Team in Griechenland hat ein Netzwerk von Partnerschaften geknüpft, um mit diesen Frauen zusammenarbeiten und Unterstützung, Schutz, praktische Ratschläge und Heilung anzubieten. Aus diesem Einsatz startete ein Nähgeschäft, indem es auch Bibelarbeiten und praktische Hilfe gibt. „Diese Näharbeit ist großartig", sagt Rosie lachend. „Aber nicht jede Frau kann nähen. Ich konnte es auch nicht, und war vier Jahre lang in Nähkursen." So begann sie über weitere Alternativen nachzudenken.

Gott führte sie dazu, über die Eröffnung einer Buchhandlung nachzudenken, um Frauen mit einem Hintergrund im Sexgewerbe legal zu beschäftigen und den weniger Gebildeten mit dem Bestand des Ladens zu helfen. Viele Frauen hatten bereits nach dem beliebten Nähprojekt gefragt. Auch die Frauen aus dem Wiederaufbauprogramm und dem Frauenhaus vor Ort könnten von dem Buchladenprojekt als Praktikum profitieren. So könnten sie sichere Arbeitserfahrungen sammeln, die sie in ihren Lebenslauf eintragen könnten, an der Seite von Freiwilligen arbeiten und lerbeb Griechisch, Englisch, Lesen und Schreiben, Computerkenntnisse oder Grundlagen der Selbstfürsorge. „Die Frauen brauchen einen ersten Schritt zu einer dauerhaften und nicht ausbeuterischen Arbeit, die ihnen finanzielle Sicherheit und Selbstachtung gibt", erklärt Rosie. „Nach viel Gebet und Zweifeln begann ich zu glauben, dass Gott mich dazu anstachelte. Ein wunderbares Team kam zusammen. Das war ganz und gar Gottes Plan."

Gott zeigte Rosie und ihrem Team dann auch einen noch größeren Traum: ein gemeinnütziges Unternehmen zu eröffnen, mit dem Ziel, Frauen mit einem Missbrauchs-, Ausbeutungs- oder Menschenhandel-Erfahrung in verschiedenen Geschäften eine Arbeit oder die Möglichkeit einer Ausbildung anzubieten. Der Second-Hand-Buchladen im Zentrum von Athen, der sowohl Einheimische als auch Ausländer anspricht sowie Bücher und handgemachte Produkte verkauft, war der erste Schritt.

Dann versammelte Gott verschiedene Menschen, die ein Gremium bildeten: Rosie, die Direktorin eines Nähgeschäfts in Athen, eine Griechin, die Programmleiterin eines Unterbringungsprogrammes für Missbrauchsüberlende ist, eine Bibelschulprofessorin mit Erfahrung in der Wirtschaft und Rechtssystem sowie weitere Personen mit Fähigkeiten in Kunst, Fundraising, Übersetzungen oder mit anderen praktischen Fähigkeiten. Sie alle stellten sich freiwillig zur Verfügung, um das Projekt auf den Weg zu bringen.

Die Suche nach einer geeigneten Immobilie zur Miete war jedoch eine Herausforderung. Die Mietpreise in Athen stiegen und das Team konnte sich nur Standorte innerhalb der Bordellviertel leisten. Das würde aber die Frauen daran hindern, sich sauber von den Verbindungen in dieser Gegend zu trennen. Als endlich eine geeignete Immobilie gefunden wurde, musste das Team monatelang auf die endgültige Einigung warten, nur um durch ein noch höheres Angebot überboten zu werden. „Das war hart", sagt Rosie. „Ich begann mich wirklich zu fragen, ob ich missverstanden hatte, was Gott von uns wollte."

Die Monate vergingen. Dann lenkte Gott Rosie und eine Freundin in einen leeren Laden. Der Besitzer führte sie gerne herum und gab ihnen schlussendlich einen Fünfjahresvertrag – zum halben Marktpreis! Doch nicht nur das: Er investierte sogar eine große Menge seiner eigenen Zeit und seines eigenen Geldes, um dem Team bei den dringend notwendigen Renovierungen zu helfen. Die Immobilie hat einen Keller mit separatem Eingang und einer separaten Straßenadresse, die später leicht in den Hauptsitz für ein zweites Geschäft umgewandelt werden kann. Gott zeigte so, dass er vorausplant.  

„Wir hoffen nun, dass wir die Buchhandlung relativ bald in diesem Jahr eröffnen können und dass wir neben den ehrenamtlichen Mitarbeitern fünf Frauen einstellen können", sagt Rosie. "Gott führt unser Team, um denen zu helfen, die vor dem Missbrauch fliehen, und ihr Leben sowohl emotional als auch praktisch wiederaufzubauen. Jede Frau ist einzigartig und verdient Respekt, Würde und das Recht auf einen Neuanfang.“